Aneinandergereihte Worte. Worte aneinandergereiht.
Aneinandergereihte Worte. Worte aneinandergereiht.
Kleine goldene Kugeln
Kleine goldene Kugeln schimmern im Sonnenlicht
Sonnenlicht durchflutet unsere gute Stube
Stubenhocker sind nicht sonnendurchflutet sondern bleich
Bleichgesichter waren früher Stubenhocker oder Langweiler
Langweiler schimmern nicht oder nur selten
Selten schimmert das Sonnenlicht in goldenen Kugeln
Kugeln schimmern aber immer im Sonnenlicht
Sonnenlicht durchflutet unsere gute Stube
Stubenfliegen schimmern in Regenbogenfarben
Regenbogen schimmern in schönen Farben
Farben finden sich selten bei Langweilern
Langweiler wären gerne schimmernd
Schimmernd glänzen goldene Kugeln im Sonnenlicht
Sonnenlicht macht froh und wärmt die Seele
Seelenfrieden zu finden ist eine Frage der Suche
Suchende finden sich oft in komischen Situationen
Situationskomiker sind keine Findenden
Findelkinder suchen oft nach dem Sinn des Lebens
Lebensmüde sind bleichgesichtig aber kaum langweilig
Langweiler durchfluten unsere gute Stube
Stubenschränke sind voller kleiner goldener Kugeln
Kleine goldene Kugeln schimmern im Sonnenlicht.
Lenz - April 2008
Kein normaler Tag
Man sieht sich immer zweimal im Leben. Ja - das waren seine letzten Worte gewesen. Daniel dachte seither darüber nach, was der Fremde wohl damit gemeint hatte. Wer sagt schon so etwas und springt danach von einem Baugerüst? Eigentlich hätte Daniel gar nicht dort sein sollen. Normalerweise wäre Daniel um diese Zeit schon lange im Bus gesessen, hätte die Abendzeitung durchgeblättert und sich über die verschmierten Wände bei der Schulhaus-Haltestelle aufgeregt. Das Übliche halt. Aber manchmal war das Übliche einfach die bessere Variante, dachte er sich.
Hätte er doch nur nach Feierabend nicht seine Thermoskanne auf der Mauer oben stehen lassen. Dann wäre er auf seinem Heimweg nicht umgekehrt und noch einmal die fünf Stockwerke der Baustelle hochgestiegen, wo er mit den Kollegen an diesem Tag die letzten Mauern des Attikageschosses hochgezogen hatte. Dann hätte er nicht gesehen, wie der Fremde da stand und in den Abgrund starrte. Und dann hätte er nicht darüber nachdenken müssen, warum jemand so etwas sagt und dann in den Tod springt. Daniel schnaubte wütend. Was hätte er denn tun sollen? Sich mit dem Fremden über sein verkorkstes Leben unterhalten? Ihn fragen, warum er das tun wollte? Ihn überzeugen, das das Leben lebenswert sei? Er war doch kein Psychiater. Er war Maurer. Und Maurer helfen in der Regel nun mal keinen Leuten, die von einem Baugerüst springen wollen. Und schon gar nicht helfen Maurer mit einem beträchtlichen Vorstrafenregister irgend jemandem oder rufen die Polizei in einer solchen Situation. Basta. So einfach war das.
Ausserdem hatte er genug eigene Probleme. Seit er vor sieben Jahren aus dem Gefängnis entlassen wurde, war er sauber. Und lebte ein gut bürgerliches, unauffälliges Leben und liess sich nichts zu Schulden kommen. Was bildete sich der Typ eigentlich ein, ihn da mit reinzuziehen? Und dieser Blick. Diese wässrigen blauen Augen hinter der runden Nickelbrille, die überhaupt nicht zu der restlichen Erscheinung passte. So eine Brille hatte sein Grossvater getragen. Wie alt der Fremde wohl gewesen war? Um die vierzig, schätzte Daniel. Und besser verdient als er, hatte er allemal. Daniel hatte gleich gesehen, dass der Fremde eine teure Jacke trug und die Schuhe waren abgesehen vom Baustaub blank poliert und sicher handgenäht. Was bringt der sich um, wenn er doch so gut verdient. Daniel war wütend. Der hatte ja keine Ahnung. Daniel krüppelte sich Tag für Tag auf der Baustelle ab, half danach seiner Frau beim Haushalt und brachte die Kinder ins Bett. Danach assen seine Frau und er und dann schauten sie fern, die Tagesschau. Jeden Tag. Ausser am Wochenende. Da gab es Fleisch und einen Liebesfilm. Unter der Woche gab es nie Fleisch. Das lag einfach nicht drin. Der Fremde hatte sicher einen vollen Kühlschrank und ja, genau, er sah aus wie einer, der Sushi ass. Und zwar dann, wenn er Lust hatte. Der musste sicher nicht darüber nachdenken, ob er sich das leisten konnte. Daniel verzog das Gesicht. Diesen rohen Fisch mochte er zwar nicht, aber er wäre gerne in der Situation gewesen, diesen essen zu können, wann immer er wollte. Aber er hatte weder das Geld dazu, noch hatte er seit seinem ersten Versuch jemals wieder Lust darauf gehabt. Egal. Ihm war ein währschaftes Gericht allemal lieber. Der Fremde hätte wohl nur spöttisch gelächelt, wenn er Daniel’s Zuhause gesehen hätte. Dabei gab sich seine Frau so viel Mühe. Ob der Fremde verheiratet war? Vielleicht wartete seine Frau jetzt auf ihn. Oder sie vergnügte sich mit seinem besten Freund, was dann vielleicht mit ein Grund für den Todessprung gewesen sein könnte.
Daniel massierte sich den schmerzenden Nacken. Eigentlich, dachte er, geht es uns ja gut. Wir haben zwar nicht viel, aber wir sind gesund und so glücklich, wie man es mit ein paar Geldsorgen sein konnte. Er würde nie auf die Idee kommen, in den Tod zu springen. Und wenn seine Frau ihn betrügen würde? Wenn er unheilbar krank wäre? Wenn irgend etwas ganz Schlimmes passieren würde? Auf einmal tat ihm der Fremde leid. Vielleicht war es wirklich so schlimm gewesen, dass es keinen anderen Ausweg mehr gab? Hoffentlich war er nicht unheilbar krank gewesen. Daniel betrachtete seine rechte Hand und prüfte sie sorgsam auf offene Wunden. Das war bei seinem Beruf ja an der Tagesordnung. Er hätte nicht noch nachschauen sollen, ob der Fremde wirklich tot war. Er war wie in Trance die Treppen hinutergehastet. Die Haut am Hals hatte sich noch ganz lebendig angefühlt und das Blut war eklig warm. Er hatte es mit seinem Stofftaschentuch von seiner Hand abgewischt und sich ein bisschen geekelt. Er hatte den Mann betrachtet, der grotesk verdreht im frischen Beton lag. Er hatte auch seine Geldbörse durchsucht und dann aber wieder zurückgesteckt. Obwohl dort fünf Hunderter drin waren. Viel Geld. Daniel war stolz auf sich. Gleichzeitig war er wütend auf den Fremden. Mann, was sprang der Typ auch einfach. Und dann noch so, dass er in den frisch betonierten Hausaufgang gefallen war. Seine Kollegen auf der Baustelle würden sich bedanken. Alles aufspitzen und nochmals betonieren. Daniel fragte sich, wann der Fremde wohl entdeckt würde. Vielleicht ein Spaziergänger, der mit seinem Hund Nachts noch eine Runde drehte? Oder fand ihn Egon, der Polier, der am Morgen immer als Erster auf der Baustelle war? Der würde fluchen. Der ganze Bauplan kam durcheinander. So wie der Fremde ausgesehen hatte, ging die Polizei sicher von einem Verbrechen aus. Daniel schüttelte unmerklich den Kopf. Nein, er wollte da nicht reingezogen werden. Er hatte ja nichts getan. Er war zu nichts verpflichtet, der Fremde war ja eh tot. Und wenn er seine Thermosflasche nicht vergessen hätte, hätte er von der ganzen Geschichte gar nichts mitbekommen. Daniel ruckelte sich auf seinem Bussessel zurecht. Also, sagte er zu sich, heute bin ich zur gleichen Zeit wie die Kollegen nach Hause und morgen bin ich ebenso überrascht wie alle anderen.
Unüblicherweise stieg er zwei Haltestellen früher aus und steuerte auf das Wirtshaus zu, in welchem er sich manchmal mit seinen Kumpels zum Kegeln traf. Es war ja auch kein normaler Tag. Da musste sowas schon mal drinliegen. Er setzte sich an die Theke, bestellte ein Bier und trank es in wenigen Zügen leer. Dann blickte er auf die Uhr, legte das Geld auf die Theke, nickte dem Wirt freundlich zu und ging. Er lief die kurze Strecke bis nach Hause. Seine Frau empfing ihn mit vorwurfsvollem Blick und wendete sich ab, als er sie küssen wollte. Du hast eine Bierfahne und bist zu spät, sagte sie – und wetterte noch ein bisschen. Daniel liess die Vorwürfe über sich ergehen und half wie jeden Abend, brachte wie jeden Abend die Kinder zu Bett, ass wie jeden Abend und schaute sich mit seiner Frau die Tagesschau an, wie jeden anderen Abend auch.
Nachdem er lange wachgelegen hatte, fiel er irgendwann in einen leichten, traumlosen Schlaf und wachte am anderen Morgen wie gerädert und viel zu spät auf. Seine Frau und die Kinder schliefen noch, als er ohne seinen üblichen Morgenkaffee und unrasiert aus dem Haus hastete. Sogar sein Znüni hatte er vergessen einzupacken und die Thermoskanne hatte er wohl gestern Abend im Wirtshaus stehen lassen. Als er zur Baustelle kam, sah er von weitem die blauen Blinklichter, Polizeiautos und die Sanität. Er verlangsamte seinen Schritt und schlug die Richtung zu ein paar Kollegen ein, welche neugierig zu der Fundstelle hin äugten und sich aufgeregt unterhielten. Wortfetzen drangen zu Daniel durch: Toter, Verbrechen, Verdächtiger, Thermoskanne. Thermoskanne? Daniel durchfuhr es eiskalt. Die Thermoskanne!
Schon war er bei der Gruppe angekommen, die bei seinem Eintreffen schlagartig ver-stummte. Die Blicke der Kollegen suchten verlegen den Boden ab oder schweiften in die Ferne, manche wandten sich ganz ab. Daniel, mittlerweile ziemlich beunruhigt, fragte, was denn los sei. Egon löste sich aus der Gruppe, fasste ihn am Oberarm und zog ihn ein paar Schritte zur Seite. Einen Toten hätten sie gefunden. Und daneben seine, Daniels, Thermoskanne. Die mit der Beule und dem Kleber des lokalen Fussballvereins. Ob er das erklären könne. Die Polizei hätte da einige Fragen an ihn. Sie seien am Spuren sichern. Sie brauchten seine Fingerabdrücke und die Schuhe, welche er gestern getragen hätte. Daniel wurde schwindelig und er musste sich abstützen. Ein älterer Polizist in Zivil kam auf ihn zu. Er erkannte ihn. Und der Polizist erkannte ihn auch. Er war damals bei Daniels Verhaftung dabei, in seinem früheren Leben. Man begegnet sich immer zweimal, sagte der Polizist. Ja, sagte Daniel und hatte auf einmal unglaubliche Lust auf Sushi.
Lachen SZ - März 2008